Vom Treffer zum Zuschlag

Formblatt 124 ausfüllen — Eigenerklärung zur Eignung ohne Fehler

Formblatt 124 ausfüllen: Feld für Feld durch die Eigenerklärung zur Eignung des VHB Bayern — Umsatz, Referenzen, Register, und was der Auftraggeber später verlangt

10 Min. Lesezeit

Formblatt 124 ausfüllen dauert beim ersten Mal eine Stunde und danach zehn Minuten — vorausgesetzt, du weißt, welche Zahl in welches Feld gehört und was du damit eigentlich zusagst. Denn die Eigenerklärung zur Eignung ist kein Fragebogen, sondern ein Versprechen: du erklärst, dass du geeignet bist, und verpflichtest dich, die Belege dafür nachzureichen, wenn dein Angebot in die engere Wahl kommt.

Genau daran scheitern Angebote. Nicht am Preis, sondern an einem Nachweis, der drei Wochen später nicht innerhalb der Frist auf dem Tisch liegt. Das Formular sagt es selbst: dir ist bekannt, dass die genannten Bestätigungen „innerhalb der gesetzten angemessenen Frist vorgelegt werden müssen und mein/unser Angebot / Teilnahmeantrag ausgeschlossen wird, wenn die Unterlagen nicht vollständig innerhalb dieser Frist vorgelegt werden“.

Wir gehen das Formular hier Feld für Feld durch — in der Fassung, die dir in Bayern tatsächlich vorgelegt wird.

Welche Fassung du vor dir hast

Das Formblatt heißt beim Bund und in Bayern gleich, ist aber nicht dasselbe Dokument:

AuftraggeberRegelwerkWas beiliegt
Behörden des Freistaats Bayern (z. B. Staatliche Bauämter)Vergabehandbuch Bayern (VHB Bayern)Formblatt 124, Stand September 2022
Kommunen, Landkreise, Zweckverbände in Bayernmeist die vom Staatsministerium veröffentlichten Formblätter für Kommunendieselbe 124, teils ein eigener Eignungsbogen
BundesbaumaßnahmenVHB des BundesFormblatt 124 in der Bundesfassung

Die Unterschiede stecken in den Paragrafen. Die bayerische VOB-Fassung stellt bei den Ausschlussgründen auf § 6e EU VOB/A ab. Das Formblatt 124_LD für Liefer- und Dienstleistungen — dasselbe Kürzel, anderer Auftragsgegenstand — nennt stattdessen §§ 123, 124 GWB. Inhaltlich läuft beides auf dieselben Ausschlussgründe hinaus, aber wer eine alte Version aus dem Ordner zieht, erklärt sich zu einer Norm, auf die sich dieser Auftraggeber nicht bezieht.

Regel eins: nimm immer das Formblatt aus diesen Vergabeunterlagen. Nicht das aus dem letzten Verfahren, nicht das von der Website. Der Auftraggeber hat Felder ausgefüllt — Maßnahmennummer, Vergabenummer, Baumaßnahme —, und deine Kopie hat andere.

Der Kopf: Rolle und Vergabeart

Oben stehen zwei Kreuze, die regelmäßig falsch gesetzt werden.

Deine Rolle. Bewerber, Bieter, Mitglied einer Bewerber- oder Bietergemeinschaft, Nachunternehmer, anderes Unternehmen. Bewerber bist du im Teilnahmewettbewerb, Bieter bei der öffentlichen Ausschreibung. Und der Punkt, der Geld kostet: jedes nicht präqualifizierte Nachunternehmen füllt ein eigenes Formblatt 124 aus. Das steht in der Kopfzeile des Formulars. Wenn du die Dachabdichtung weitergibst, brauchst du also die Erklärung deines Nachunternehmers — wann sie vorzulegen ist, sagen die Vergabeunterlagen, aber besorgen musst du sie bei ihm und nicht bei dir.

Die Vergabeart. Öffentliche Ausschreibung, beschränkte Ausschreibung, freihändige Vergabe, internationale NATO-Ausschreibung, offenes und nichtoffenes Verfahren, Verhandlungsverfahren, wettbewerblicher Dialog. Was gilt, steht in der Bekanntmachung. Wenn du unsicher bist, welche Verfahrensart der Auftrag überhaupt auslöst, hilft der Vergabe-Check → — er sagt dir anhand von Wert und Auftraggeber, welches Verfahren zu erwarten ist.

Und die Zeile, die gar nichts kostet, wenn man sie ernst nimmt: wer präqualifiziert ist, füllt das Formblatt nicht aus. Die Kopfzeile sagt es ausdrücklich — es ist die Eigenerklärung für nicht präqualifizierte Unternehmen. Mit einer PQ-VOB-Nummer entfällt der ganze Bogen.

Umsatz: nur der vergleichbare Teil

Gefragt ist der Umsatz der letzten drei abgeschlossenen Geschäftsjahre — aber ausdrücklich nur, soweit er Bauleistungen und andere Leistungen betrifft, die mit der zu vergebenden Leistung vergleichbar sind. Der Anteil aus gemeinsam mit anderen Unternehmen ausgeführten Leistungen wird eingeschlossen.

Das ist nicht dein Jahresumsatz aus dem Jahresabschluss. Zwei Fehler in beide Richtungen:

  • Zu hoch: den Gesamtumsatz eintragen, obwohl die Hälfte davon Privatkundengeschäft in einem anderen Leistungsbild war. Wenn der Auftraggeber später nachfragt, wird die Zahl schwer zu erklären.
  • Zu niedrig: den ARGE-Anteil weglassen, weil „das war ja nicht allein wir“. Er gehört ausdrücklich hinein.

„Abgeschlossen“ heißt abgeschlossen. Im Juli 2026 sind das in der Regel 2023, 2024 und 2025 — nicht das laufende Jahr, auch wenn es besser aussieht.

Tipp: Rechne die drei Zahlen einmal jährlich aus, wenn der Jahresabschluss fertig ist, und lege sie mit dem Stichwort „vergleichbare Leistungen“ ins Bieterprofil oder in eine Datei neben die Formblätter. Dann ist die Stunde beim ersten Mal auch die letzte Stunde.

Vergleichbare Leistungen: fünf Jahre, drei Nachweise, Formblatt 444

Hier erklärst du zunächst nur, dass du in den letzten fünf Kalenderjahren — oder in dem in der Auftragsbekanntmachung genannten Zeitraum — vergleichbare Leistungen ausgeführt hast. Eine Fußnote im Formular regelt den Konflikt: der längere Zeitraum ist maßgebend.

Was du zusagst, ist die Lieferung von drei Referenznachweisen, falls dein Angebot in die engere Wahl kommt. Und die Liste dessen, was in so einem Nachweis stehen muss, ist der Teil, den fast niemand vorher liest:

  • Ansprechpartner
  • Art der ausgeführten Leistung
  • Auftragssumme
  • Ausführungszeitraum
  • der mit eigenem Personal ausgeführte maßgebliche Leistungsumfang, stichwortartig, einschließlich der ausgeführten Mengen
  • Zahl der dafür durchschnittlich eingesetzten Arbeitnehmer
  • besondere technische und gerätespezifische Anforderungen, bei Komplettleistung eine Kurzbeschreibung der Baumaßnahme samt Besonderheiten
  • Art der Baumaßnahme: Neubau, Umbau, Denkmal
  • vertragliche Bindung: Hauptauftragnehmer, ARGE-Partner, Nachunternehmer
  • gegebenenfalls die Gewerke, die du mit eigenem Leitungspersonal koordiniert hast
  • die Bestätigung des Auftraggebers über die vertragsgemäße Ausführung

Der letzte Punkt ist der, der Zeit braucht: eine Bestätigung des damaligen Auftraggebers. Vorlage dafür ist Formblatt 444, die Referenzbescheinigung. Wenn du beim Bauamt anrufen musst, das den Auftrag 2023 vergeben hat, und dort ist der zuständige Sachbearbeiter im Urlaub, dann hilft dir die Frist nicht, die die Vergabestelle für „angemessen“ hält.

Die einzige richtige Reihenfolge: Formblatt 444 vom Auftraggeber unterschreiben lassen, wenn die Baustelle fertig ist und du noch bekannt bist — nicht Jahre später, wenn du es brauchst. Bei einem Teilnahmewettbewerb liegt die Referenzliste ohnehin schon dem Teilnahmeantrag bei.

Welche Nachweise über die Referenzen hinaus typischerweise verlangt werden, haben wir in der Checkliste zu Eignungsnachweisen → gesammelt, und den größeren Zusammenhang — Eignung, Bieterprofil, Präqualifikation — behandelt der Themenüberblick Eignungsnachweise und Bieterprofil →.

Arbeitskräfte, Register, Insolvenz

Drei Blöcke, die schnell gehen, wenn die Unterlagen im Ordner liegen:

Arbeitskräfte. Du erklärst, dass dir die erforderlichen Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Bei engerer Wahl folgt die Zahl der in den letzten drei abgeschlossenen Kalenderjahren jahresdurchschnittlich Beschäftigten — gegliedert nach Lohngruppen, mit extra ausgewiesenem technischem Leitungspersonal. Diese Gliederung ist der Grund, das nicht am Abgabetag zu machen: sie kommt aus der Lohnbuchhaltung, nicht aus dem Kopf.

Registereintragungen. Handelsregister, Handwerksrolle für die auszuführenden Leistungen, Industrie- und Handelskammer — oder die Erklärung, zu keiner dieser Eintragungen verpflichtet zu sein. Bei engerer Wahl: Gewerbeanmeldung, Handelsregisterauszug, Handwerkskarte beziehungsweise IHK-Eintrag.

Insolvenz und Liquidation. Kein beantragtes oder eröffnetes Insolvenzverfahren, kein mangels Masse abgelehnter Antrag, keine Liquidation. Ist ein Insolvenzplan rechtskräftig bestätigt, kreuzt du das an und legst ihn auf Verlangen vor.

Ausschlussgründe: ab 30.000 Euro fragt der Auftraggeber selbst

Der Block zu den schweren Verfehlungen hat drei Varianten zum Ankreuzen: keine Ausschlussgründe nach § 6e EU VOB/A, ein Ausschlussgrund nach § 6e EU Absatz 6 VOB/A liegt vor, oder er liegt vor, aber du hast Maßnahmen zur Selbstreinigung ergriffen und die Zuverlässigkeit wiederhergestellt.

Dazu die Erklärung, dass zu deinem Unternehmen keine Eintragungen im Wettbewerbsregister gespeichert sind. Und der Hinweis, den man kennen sollte, bevor man ihn falsch erinnert: ab einer Auftragssumme von 30.000 Euro netto fragt der Auftraggeber das Wettbewerbsregister für den vorgesehenen Zuschlagsempfänger selbst ab.

Nicht das Gewerbezentralregister — das stand in älteren Fassungen und steht immer noch in vielen Ratgebern. Das Wettbewerbsregister beim Bundeskartellamt hat diese Rolle übernommen. Du reichst dazu nichts ein; die Abfrage läuft ohne dich. Was du tun kannst: wissen, dass sie kommt.

Steuern, Sozialkasse, Berufsgenossenschaft

Der letzte Block ist der, aus dem die Frist-Probleme kommen, weil hier fremde Stellen liefern müssen. Du erklärst, Steuern, Abgaben und Sozialversicherungsbeiträge ordnungsgemäß gezahlt zu haben. Bei engerer Wahl vorzulegen sind:

  • Unbedenklichkeitsbescheinigung der tariflichen Sozialkasse — SOKA-BAU, soweit dein Betrieb beitragspflichtig ist
  • Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamts beziehungsweise Bescheinigung in Steuersachen, soweit das Finanzamt solche ausstellt
  • Freistellungsbescheinigung nach § 48b EStG
  • qualifizierte Unbedenklichkeitsbescheinigung der Berufsgenossenschaft mit Angabe der Lohnsummen

Alle vier haben eines gemeinsam: sie werden ausgestellt, nicht ausgefüllt — du hast auf den Termin also keinen Einfluss. Die Freistellungsbescheinigung nach § 48b EStG läuft ab, meist nach drei Jahren; steht das Ablaufdatum nicht im Kalender, merkt man es am Abgabetag. Und bei der Berufsgenossenschaft heißt das Wort im Formular „qualifizierte“ Unbedenklichkeitsbescheinigung mit Angabe der Lohnsummen — die einfache Bescheinigung, die die BG auf Knopfdruck ausstellt, ist nicht die gemeinte.

Die Liste für dein Gewerk

Welche Nachweise dein Auftraggeber üblicherweise verlangt — zum Abhaken und Ausdrucken.

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Unterschrift: oft nicht nötig

Unten steht ein Feld für Ort, Datum und Unterschrift — mit einer Fußnote, die viel Ärger erspart: die Unterschrift ist nur erforderlich, wenn diese Eigenerklärung nicht Bestandteil eines unterschriebenen Angebotes ist.

Bei elektronischer Angebotsabgabe über vergabe.bayern.de oder ein kommunales Portal ist das Formblatt Teil des Angebots, und das Angebot wird als Ganzes authentifiziert. Ein eingescanntes Unterschriftsbild in ein PDF zu setzen macht die Erklärung nicht verbindlicher — es macht die Datei nur größer. Steht in den Vergabeunterlagen ausdrücklich etwas anderes, gilt das.

Die fünf Fehler, die am häufigsten auffallen

  1. Alte Fassung verwendet. Die Paragrafen und Fristen ändern sich. Nimm das Formular aus diesen Unterlagen.
  2. Gesamtumsatz statt vergleichbarem Umsatz. Gefragt ist der vergleichbare Anteil, inklusive ARGE-Anteil.
  3. Nachunternehmer ohne eigenes Formblatt. Jedes nicht präqualifizierte Nachunternehmen füllt selbst aus.
  4. Referenzen ohne Auftraggeberbestätigung. Formblatt 444 gehört zum Bauende, nicht zur Angebotsphase.
  5. Widersprüche zu anderen Unterlagen. Wer im 124 erklärt, die Leistung überwiegend mit eigenem Personal auszuführen, und im Nachunternehmerverzeichnis drei Gewerke weitergibt, hat zwei Erklärungen im selben Angebot, die sich beißen. Vergabestellen lesen beide.

Für die Kalkulation selbst gilt separat: der Preis muss stimmen, nicht nur die Eignung. Womit du rechnest, steht in unseren Kalkulationsdaten für Bayern → — Baupreisindex und Mindestlöhne mit Quelle und Stand.

Was jetzt zu tun ist

  • Drei Umsatzzahlen für vergleichbare Leistungen ausrechnen und mit dem Jahresabschluss aktualisieren.
  • Beschäftigtenzahlen nach Lohngruppen für die letzten drei Kalenderjahre einmal aus der Lohnbuchhaltung ziehen.
  • Formblatt 444 bei den nächsten drei fertigen Baustellen unterschreiben lassen — vor Ort, bevor der Ansprechpartner wechselt.
  • §-48b-Bescheinigung, BG- und SOKA-Bescheinigung auf Gültigkeit prüfen und ein Erinnerungsdatum setzen.

Die Angaben in diesem Artikel stammen aus dem Formblatt 124 des VHB Bayern in der Fassung Stand September 2022, geprüft am 28. Juli 2026. Verbindlich ist immer das Formular, das in deinen Vergabeunterlagen liegt — die Quellen sind unten verlinkt.


Die Eigenerklärung selbst ist in zehn Minuten ausgefüllt. Was Wochen dauert, sind die vier Bescheinigungen und die drei Referenzbestätigungen dahinter — und die verlangt der Auftraggeber erst dann, wenn du ohnehin schon gewonnen hättest.

Quellen

Aaron Gregg

Geschäftsführer, Ibis Flow GmbH

Verantwortlich für die Inhalte von Alle Gewerke und für die Vergabe- und Matching-Systeme hinter der Plattform.

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