Ausschreibung zerlegt

PV-Ausschreibung einer Kommune zerlegt — bieten oder aussteigen?

PV Ausschreibung Kommune: Am Klärwerk Erlangen zeigen Stahlbau, Speicher und Steuerung, wann du allein bietest, Partner holst oder aussteigst

8 Min. Lesezeit

2.832 PV-Module, 530 Tonnen veröffentlichte Stahlmengen, Mittelspannung, Speicher und Steuerung — alles in einem Los. Diese PV-Ausschreibung einer Kommune klingt im Titel nach Elektro. Tatsächlich sucht die Stadt Erlangen für ihr Klärwerk einen Auftragnehmer, der mehrere Fachwelten zusammenhält.

Für einen kleinen Elektro- oder Solarbetrieb ist genau das die entscheidende Frage: selbst bieten, feste Partner mitnehmen oder aussteigen? Wir zerlegen die Bekanntmachung 26_VOB_057 mit den öffentlich zugänglichen Primärquellen. Das ist keine Kalkulation des Auftrags und ersetzt nicht das registrierungspflichtige Leistungsverzeichnis.

Stand: 28. September 2026. Die Frist für Bieterfragen endete am 25. September. Angebote müssen laut Bekanntmachung am 1. Oktober um 11 Uhr vorliegen. Wer zu diesem Zeitpunkt Unterlagen, Partner und Zuständigkeiten noch nicht geklärt hat, startet nicht mehr seriös bei null.

PV Ausschreibung Kommune: Was öffentlich auf dem Tisch liegt

Die Stadt Erlangen baut die vierte Reinigungsstufe ihres Klärwerks. Die Vergabeeinheit VE 4322 PV-Anlage Biologie läuft als offenes Verfahren nach VOB/A-EU. Die offizielle Projektseite der Stadt → nennt:

  • 170 Tonnen Stahlunterkonstruktion
  • 360 Tonnen Stahlgrundrahmen für die PV-Module
  • 2.832 PV-Module samt Verkabelung
  • 12 Wechselrichter mit der veröffentlichten Angabe 110 kVA
  • ein Fertigteil-Stationsgebäude mit Transformatoren sowie Mittel- und Niederspannungsschaltanlagen
  • zwei Batteriespeicher mit der veröffentlichten Angabe 2.000 kWh
  • 4.000 Meter Starkstrom- und Fernmeldekabel
  • 1.200 Meter Kabeltragsysteme und Schutzrohre

Es gibt ein Los. Nebenangebote und mehrere Hauptangebote sind nicht zugelassen. Der Preis ist laut offiziellem eForm → das einzige Zuschlagskriterium.

Das klingt zunächst einfach: technisch sauber anbieten, niedrigsten tragfähigen Preis treffen. Der Haken liegt davor. Wer kalkuliert, muss nicht nur Module und Kabel bepreisen, sondern Stahlbau, Ausführungsstatik, Mittelspannung, Speicherregelung, Bedienoberfläche (HMI), Prüfungen und Dokumentation zu einem belastbaren Gesamtpreis verbinden.

Der erste Go-/No-Go-Punkt ist nicht der Modulpreis

Die Bekanntmachung selbst markiert das Verfahren als nicht für kleine und mittlere Unternehmen geeignet. Das ist kein Teilnahmeverbot. Es ist aber ein ungewöhnlich deutlicher Hinweis des Auftraggebers auf Größe und Koordinationslast.

Für einen Betrieb mit 3 bis 50 Mitarbeitern heißt das: Prüfe zuerst die Rolle, nicht den Einkaufspreis der Module.

Allein bieten passt nur, wenn dein Betrieb bereits:

  • vergleichbare Gesamtprojekte als verantwortlicher Auftragnehmer geführt hat,
  • Stahlbau und prüffähige Ausführungsstatik belastbar steuern kann,
  • Mittelspannung, Speicher und Steuerung mit eingespielten Partnern abdeckt,
  • die Dokumentation und Abnahme aus einer Hand organisiert,
  • und die Kapazität über den veröffentlichten Ausführungszeitraum freihält.

Mit Partnern bieten kann passen, wenn die Zuständigkeiten vor der Kalkulation feststehen. Das eForm lässt eine Bietergemeinschaft zu. Alle Mitglieder müssen benannt sein, ein Vertreter braucht Vollmacht, und jedes Mitglied haftet als Gesamtschuldner für den ganzen Vertrag. Das ist mehr als „wir holen später noch einen Stahlbauer dazu“.

Aussteigen ist die richtige Entscheidung, wenn Statik, Stahl, Mittelspannung oder SPS erst nach Angebotsabgabe verteilt werden sollen. Eine Bietergemeinschaft aus Kontakten, die noch keine Preise und Termine zugesagt haben, ist kein Risikopuffer.

Wie du diese Entscheidung grundsätzlich vor dem LV triffst, steht im Leitfaden Ausschreibung prüfen — lohnt sich der Angebotsaufwand? →. Dieser Fall zeigt, warum der Schnellcheck vor der Kalkulation kommt.

Elf Bieterfragen zeigen die echten Risiken

Der stärkste Teil dieser Ausschreibung steht nicht in der Kurzbeschreibung. Der öffentliche Antwortenkatalog → enthält elf Fragen und Antworten. Diese zeigen, an welchen Stellen Fachbetriebe vor der Preisabgabe hängen geblieben sind.

1. Die Ausführungsstatik liegt beim Auftragnehmer

Ein Bieter fragte, ob nur Anschlüsse und Montagezustände nachzuweisen seien. Die Antwort ist eindeutig: Der Auftragnehmer muss eine vollständige, prüffähige Ausführungsstatik liefern. Die Prüfkosten der Statik trägt der Auftraggeber.

Für deine Kalkulation heißt das trotzdem: Planungsleistung, Abstimmung, Überarbeitung und Freigabelauf gehören in deinen Aufwand. Wer nur Material, Fertigung und Montage anfragt, kalkuliert zu kurz.

Für die Stahltragwerke gilt die Ausführungsklasse EXC2. Bei widersprüchlichen Stahlprofilen gelten die Querschnitte in den Zeichnungen als Mindestquerschnitte; für die Kalkulation hat das Leistungsverzeichnis Vorrang vor den Plänen. Beim Korrosionsschutz nennt die Antwort die Korrosivitätskategorie C3, mittlere Schutzdauer und Feuerverzinkung nach DIN EN ISO 1461 mit einer angegebenen Mindestschichtstärke. Ein zusätzliches Beschichtungssystem ist nicht vorgesehen.

Das ist kein Detail für den Bestellzettel. Es beeinflusst Konstruktion, Fertigung, Transport, Montage und Gewährleistung.

2. Die Steuerung ist kein kleiner Nebenposten

Im Fragenkatalog wird der HMI-Umfang konkret: bis zu 50 Prozessbilder und bis zu 7.500 Tags. Der Quellcode des bestehenden FlowChief-Projekts soll bauseits bereitgestellt werden. Für die Speicherregelung verweist der Auftraggeber auf das Regelkonzept zur Energiespeicherung und Eigenverbrauchsoptimierung; eine weitere Funktionsbeschreibung wird nicht geliefert.

Wenn dein SPS-Partner diese Antwort erst nach deinem Angebot sieht, ist dein Preis geraten. Vor einem Go müssen Schnittstelle, Datenübernahme, Programmierung, Test und Inbetriebnahme mit einem benannten Fachpartner geklärt sein.

3. Prüfungskosten landen nicht alle beim Auftraggeber

Für eine im LV genannte TÜV-Abnahme bestätigt die Stadt: Beauftragung und vollständige Kosten des TÜV oder eines anerkannten Prüfinstituts sind einzukalkulieren. Das unterscheidet sich von den Prüfkosten der Statik, die laut anderer Antwort der Auftraggeber trägt.

Zwei ähnliche Wörter — Prüfung und Prüfkosten — führen also zu zwei verschiedenen Kostenträgern. Genau solche Stellen erzeugen Unterdeckung, wenn du Antworten nur überfliegst.

Die Terminlage ist selbst ein Prüfpunkt

Drei Bieter baten wegen Komplexität und Planungsaufwand um mehr Zeit. Die Stadt lehnte alle drei Anträge mit Verweis auf Vergabetermin und Abhängigkeiten ab.

Dazu kommt ein Widerspruch in den Primärquellen:

  • Die städtische Projektseite nennt als Ausführungsende den 31. Juli 2027.
  • Das offizielle eForm nennt den 30. November 2027.

Wir lösen diesen Widerspruch nicht durch Raten. Für ein echtes Angebot zählt, was in der Aufforderung, im Bauzeitenplan und in den Vertragsunterlagen als maßgeblich festgelegt ist. Wer hier bietet, muss diese Fassung im registrierten Vergabepaket prüfen.

Auch die Bindung kostet Beweglichkeit: Das eForm nennt 67 Tage, in denen das Angebot gültig bleiben muss. Material- und Nachunternehmerpreise brauchen deshalb passende Bindungen oder sauber bewertete Risiken.

Die Ausschreibung verlangt außerdem ab einer Auftragssumme von 250.000 Euro ohne Umsatzsteuer eine Vertragserfüllungssicherheit von 5 Prozent und eine Sicherheit für Mängelansprüche von 2 Prozent der vorläufigen Abrechnungssumme. Das ist Liquidität, Avalrahmen und Büroarbeit — kein Fußnotenthema nach dem Zuschlag.

Eignung: Eine PV-Referenz allein reicht als Antwort nicht

Die öffentliche Eigenerklärung zur Eignung → fragt Umsatz mit vergleichbaren Leistungen, Referenzen aus den letzten fünf Kalenderjahren, Arbeitskräfte, Registereinträge und Unbedenklichkeiten ab. Das Formblatt nennt keinen veröffentlichten Mindestumsatz, den wir hier erfinden könnten.

Der entscheidende Begriff ist vergleichbar. Eine Dachanlage auf einer Schule beweist PV-Erfahrung. Das beweist nicht automatisch, dass dein Betrieb Stahlrahmen über Klärbecken, Ausführungsstatik, Mittelspannung, Batteriespeicher und Leittechnik als Gesamtpaket gesteuert hat.

Schreib deshalb vor dem Go neben jede Referenz:

  1. Welche Teile dieses Loses waren wirklich enthalten?
  2. Was hat dein eigenes Personal ausgeführt?
  3. Welche Partner hast du koordiniert?
  4. Kann der damalige Auftraggeber Umfang, Termin und vertragsgemäße Ausführung bestätigen?

Wie das bayerische Eignungsformular aufgebaut ist, erklärt Formblatt 124 Bayern ausfüllen →. Welche Standardnachweise griffbereit sein sollten, steht in der Eignungsnachweise-Checkliste →.

Preis als einziges Zuschlagskriterium macht das Los nicht einfacher

Wenn nur der Preis zählt, gibt es keine Wertungspunkte für ein besonders schönes Konzept. Die Qualität steckt bereits im geschuldeten Leistungsumfang. Wer eine Schnittstelle vergisst, wird nicht schlechter bewertet — er bietet schlicht zu billig für das, was später verlangt wird.

Der sinnvolle Kalkulationsweg ist deshalb:

  1. Verantwortungsmatrix bauen: Stahl, Statik, PV, Mittelspannung, Speicher, SPS/HMI, Prüfung, Dokumentation.
  2. Jede Schnittstelle einem Vertragspartner zuordnen: kein Feld bleibt bei „klären wir nach Zuschlag“.
  3. Primärunterlagen gegeneinander prüfen: LV vor Plan, Antworten vor eigener Annahme, Terminwiderspruch vor Preis.
  4. Bindung und Sicherheiten einpreisen: Lieferantenbindung, Avale und Prüfkosten gehören in die Entscheidung.
  5. Erst dann Einheitspreise rechnen.

Die typischen Rechen- und Auslassungsfehler stehen unter Angebotskalkulation für öffentliche Aufträge →. Bei dieser Ausschreibung ist der größte Fehler nicht ein falscher Modulpreis. Es ist eine nicht zugeordnete Verantwortung.

Unser Urteil: für kleine Betriebe allein meistens No-Go

Für einen klassischen Elektro- oder PV-Betrieb mit 3 bis 50 Mitarbeitern ist dieses Los allein meistens ein No-Go. Nicht weil 2.832 Module unmontierbar wären, sondern weil der Auftrag eine belastbare Kette aus Stahlbau, Statik, Mittelspannung, Speicher, Steuerung, Prüfung und Dokumentation verlangt.

Ein Go ist vertretbar, wenn du solche Gesamtprojekte nachweisbar geführt hast und alle Schlüsselpartner bereits zugesagt haben. Ein Go mit Partnern ist vertretbar, wenn eine eingespielte Bietergemeinschaft Verantwortung, Preisbindung und gesamtschuldnerische Haftung bewusst übernimmt. Alles andere ist Hoffnung unter Zeitdruck.

Für diesen konkreten Termin gilt noch schärfer: Wer am 28. September 2026 die Unterlagen nicht kennt und die Partner nicht gebunden hat, sollte nicht versuchen, bis zum 1. Oktober eine verantwortbare Gesamtpreis-Kalkulation zu erzwingen.

Weitere offene Verfahren findest du im Feed für Photovoltaik und Solartechnik →. Den methodischen Rahmen für Leistungsumfang, Eignung, Frist und Kapazität bündelt der Themenhub Ausschreibung prüfen und kalkulieren →.


Wenn eine Ausschreibung mehrere Fachwelten in ein Los packt, lohnt der zweite Blick vor der Kalkulation. Ausschreibungs-Check ansehen →

Quellen

Aaron Gregg

Geschäftsführer, Ibis Flow GmbH

Verantwortlich für die Inhalte von Alle Gewerke und für die Vergabe- und Matching-Systeme hinter der Plattform.

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Wir lesen die Vergabeunterlagen und sagen dir, wo die Risiken liegen und welche Nachweise fehlen.

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